Nein, ein Fluß ist es nicht, es ist ein gewaltiger Strom, welcher da vor unseren tempelmüden Augen am Rand von Bagan majestätisch dahinfließt, wiewohl er, wie gerade jetzt, außerhalb der Regenzeit bestimmt auch ein bißchen mit seiner Größe und Breite angibt, so unkanalisiert er ist, so naturnah mit seinen Mäandern, gefährlichen, tiefere Bereiche begrenzenden Stromschnellen, mit unberechenbaren Strudeln, Untiefen, in der Regenzeit zu einem gewaltigen, alles verschlingenden Monster anwachsend! Es ist der Irrawaddy, welcher das ganze Myanmar von seinen beiden, noch in China befindlichen Quellen auf dem Dach der Welt in über 4000 Metern Höhe aus durchzieht, um nach 2170 Kilometern ein ca 40000 Quadratkilometer großes Mündungsdelta zu erreichen, welches sich jährlich bis zu 60 Meter in die Andamansee hineinschiebt. Natürlich kann der Ayeyarwady, wie er jetzt bezeichnet wird, nicht mit den großen Strömen Südostasiens wie Ganges oder gar Mekong mithalten, er würde sich wohl eher als solide Mittelklasse bezeichnen, so er könnte. Aber sein Einzugsgebiet umfasst etwa zwei Drittel der Staatsfläche Burmas, er ist die Lebensader des Landes, an der sich das Staatswesen nach den häufig auftretenden Rückschlägen immer wieder aufgerichtet hat. Und wenn es auch nur ziemlich flache Boote sind, welche hier in reichlicher Zahl durch die Untiefen gelenkt werden, der Fluß ist auf etwa 1300 Kilometer Länge schiffbar und damit ein wichtiger Transportweg in das Landesinnere mit seinen schlechten Straßen und auch nicht viel schnelleren, auf Meterspur dahinschwankenden Eisenbahnzügen. Welch ein Gegensatz zum schnellebigen Teil der Welt, wenn es hier auch gerade jetzt zu einer Unterbrechung gekommen ist, deren Folgen gravierend sein werden.