Jerusalem


Wanderer oder Pilger, Du kommst in diese erstaunliche Stadt und willst sie kennenlernen? So trete doch durch das Damaskus-Tor und tauche ein in das einem riesigen Basar ähnelnde Konglomerat aus engen Gassen und historischen Gebäuden, wo eigentlich jeder Stein eine Geschichte erzählen könnte. Halte Dich an der nächsten Verzweigung ein wenig links und passiere die El Wad ha-Gai-Straße, weiche fliegenden Händlern und über die Stufen mit Muskelkraft bewegten Karren aus, so gelangst Du nach wenigen Minuten an die Kreuzung der Via Dolorosa. Ja, Du hast richtig gehört, hier entlang soll Jesus mit dem Kreuz entlanggetrieben worden sein. Aber darum kannst Du Dich, je nach Weltanschauung, später kümmern. Schaue Dir lieber das hinter einer hohen Mauer verborgene Eckgebäude linkerhand hinter Dir näher an. Ein schweres Tor versperrt den Weg in das Innere, laß Dich nicht entmutigen und klingle einfach. Bist Du ohne Waffen und machst auch sonst einen vertrauenderweckenden Eindruck, so wird Dir aufgetan, um einen nach der Sommerhitze doch angenehm kühlenden Tunnel emporzusteigen und in einer hell erleuchteten Halle zu landen, welche im Stil längst vergangener Epochen ausgestattet ist. Eine Reception unter Kandelabern, in deutscher Sprache gehaltene Prospekte, eine, wenn auch etwas verschämt, aber doch sichtbare österreichische Flagge, ja, Du bist angekommen im Österreichischen Hospiz zur Heiligen Familie. Du hast nach Deiner Wanderung Hunger und Durst? Drehe Dich doch einmal um! Ein Wiener Kaffeehaus lädt hier ein mit Wiener Schnitzel, Brettljause, Sachertorte, Apfelstrudel, Julius-Meinl-Kaffee und anderem. Ruhe Deine Füße aus und stärke Dich, denn der Abend wird noch lang. Aber nun wird es Zeit, nach oben zu gehen. Eine Treppe mit Marmorstufen führt in einen in grünen Farben gehaltenen breiten Flur, von der tiefstehenden Sonne durch das West-Fenster für Schattenspiele ausgeleuchtet. An den Wänden Bilder: Aufnahmen aus der Donaumonarchie, mit dem seligen Kaiser Franz Joseph und dem unseligen Erzherzog Ferdinand, dessen Tod den ersten Weltkrieg auslöste, diese und noch viele mehr haben das Hospiz besucht und es scheint so, als wäre die Zeit hier stehengeblieben und sie könnten plötzlich aus einem der Gästezimmer treten. Weiter hoch, die Sonne steht schon recht tief! Noch ein Flur, diesmal in roten Farben gehalten, noch eine Treppe, und Du bist auf dem Dach angelangt. Der Anblick ist atemberaubend: Linkerhand der Tempelberg mit dem Felsendom und von der Sonne angeleuchteter goldener Kuppel, weiter rechts etwas unscheinbarer die al-Aqsa-Moschee. Den Vordergrund auf der anderen Bildseite dominiert dagegen die Kuppel der armenisch-apostolischen Kirche St. Maria. Weiter rechts und nicht im Bild reicht unser Blick über eine Unzahl von Minaretten, Türmen und Kuppeln bis zur im Gegenlicht liegenden Grabeskirche. Ja, und dann naht der Sonnenuntergang: Blecherne Töne stören das friedliche Bild, zuerst recht leise von in der Ferne liegenden Minaretten ertönend, so pflanzen sie sich fort, bis die am nächsten liegenden Moscheen mit einer Kakophonie aus ohrenbetäubenden, dissonanten und sich gegenseitig verstärkenden Gesängen zum Lobe Allahs Deinen Trommelfellen geradezu Schmerzen bereiten. So ist Jerusalem mit seinen unter der Decke des friedlichen Miteinanders schwelenden und immer wieder plötzlich ausbrechenden Konflikten.